"Wenn du
gehst, kann ich dir nicht versprechen, mir nichts anzutun."
Heute Nacht
bin ich mal wieder durch einen Alptraum, in dem sich mein Exfreund von der
Brücke stürzte, aufgeschreckt und ich brauchte eine Weile, bis ich mir wieder
in Erinnerung gerufen hatte, dass es nicht meine Schuld ist.
Die meisten
Menschen, die Suizid begehen, wollen nicht sterben. Sie wollen nur, dass der
Schmerz aufhört und der Tod erscheint ihnen angenehmer als das Leben und das,
obwohl niemand weiß was nach dem Tod kommt. Alles scheint besser zu sein, als
das was in dem Moment durchlebt werden muss, eine alternative Lösung ist nicht
in Sicht.
Es gibt
verschiedene Anzeichen dafür, dass jemand suizidal ist und es ist wichtig diese
ernst zu nehmen. Es können einfache Sätze wie "Ich wünschte, ich wäre
tot." sein. Bestimmt jeder hat diesen Satz einmal gesagt oder zumindest
gedacht, zu beachten ist, wie ernst der Hintergedanke ist. Ich habe gelernt,
dass es drei Stadien gibt, nach denen man sich richten kann.
1. Ich habe
manchmal Selbstmordgedanken, aber keine Absichten mich umzubringen und kann
mich von dem Gedanken distanzieren.
2. Ich will
sterben, gehe gedanklich Methoden durch, habe aber noch keinen konkreten Plan.
3. Ich will
sterben, habe einen konkreten Plan und werde diesen umsetzen.
Spätestens bei
Nummer 2 sollte man als Mitmensch aufhorchen. Es ist schwierig, zu erkennen wie
ernst der Gefährdete es meint und mir fiel es in meiner Situation schwer, N.
alleine zu lassen, weil bei ihm nie deutlich war, in welchem Stadium er sich
befand.
Die anderen
Anzeichen waren da, Hoffnungslosigkeit, Selbsthass, sozialer Rückzug, emotionale
Unstabilität. Ich wusste, dass das Risiko da war, N. war gerade erst aus der
Psychiatrischen Klink entlassen worden und eine Weile ging es ihm richtig gut,
bevor er rückfällig wurde. Ich wusste, dass er vor zwei Jahren schon einmal in
die Klinik eingeliefert wurde, nachdem man ihn vom Springen von der Brücke
abgehalten hatte. Ich dachte also, ich wüsste, worauf ich mich eingelassen
hatte.
Trotzdem war
ich am Ende überfordert. Man kann für seinen Partner, Freund, Familie nur
bedingt da sein. Auf professionelle Hilfe bestehen. Selbst regelmäßig vorbei
schauen, statt zu sagen "Meld dich, wenn du etwas brauchst.” Darauf
achten, dass ein gesunder Lebensstil eingehalten wird.
Sprüche wie
"Es gibt so viel wofür es sich zu leben lohnt" (er wird die positiven
Seiten des Lebens nicht erkennen können, sie sind von einem grauen Schleier
umgeben), "Ist dir klar, wie sehr das deine Familie verletzen wird?"
(ein schlechtes Gewissen wird nur den Selbsthass verstärken) sollten vermieden
werden.
Ich versuchte,
für N. da zu sein, ließ ihn wissen, dass er geliebt wurde. Irgendwann gab es
immer öfter Diskussionen und Streite über verschiedene Dinge und ich begann von
ihm zu hören "Wenn du gehst, kann ich dir nicht versprechen, mir nichts
anzutun."
Dieser Satz
ließ mich Wochen in Angst und mit innerer Anspannung leben, weil ich das Gefühl
hatte, dauerhaft für ihn da sein zu müssen. Ich hatte Angst um ihn und davor,
was er anstellen könnte, wenn niemand für ihn da war.
Irgendwann
hielt ich es nicht mehr aus. Mir selbst ging es zunehmend schlechter, es gab
immer wieder Auseinandersetzungen, ich
fühlte mich unter Druck gesetzt und manipuliert, und ich ging daran kaputt.
Schließlich beendete ich die Beziehung. In derselben Nacht erfuhr ich, dass N.
wieder im Krankenhaus sei, mit aufgeritztem Handgelenk.
Die Ärzte
ließen ihn wieder gehen, aber am nächsten Tag sprach er wieder von Selbstmord,
woher er eine Pistole kriegen könnte, er würde es tun, er wüsste nur nicht wann
und wenn, würde er es auch keinem erzählen. Am Nachmittag reagierte er nicht
mehr auf Anrufe oder Nachrichten, der letzte Onlinestatus Stunden her. Das war
absolut nicht seine Art, ich bekam Panik und rief die Polizei, welche zusammen
mit Krankenwagen zu seiner Wohnung anrückte. Es machte niemand auf und die Tür
wurde von der Feuerwehr aufgebrochen, nur um ein leeres Zimmer aufzufinden. Ich
war ein heulendes, zitterndes Nervenbündel und malte mir irgendwelche Szenarien
aus, die Polizei befragte mich zu seiner und unserer Geschichte und sie waren
überraschend fürsorglich und nett.
Die Polizei
fuhr eine Weile durch die Gegend und fand ihn schließlich und N. musste seine zweite
Fahrt in 24 Stunden ins Krankenhaus durchstehen.
Ich bekam
einen Anruf und wir stritten, er warf mir vor, er würde mir Sachen im Vertrauen
erzählen und ich würde einen Scheiß darauf geben. "Du kannst mir erzählen,
was du willst, und ich behalte es für mich. Aber wenn du mit Suizid drohst,
kann ich das nicht für mich behalten.", erwiderte ich.
Die Ärzte
haben N. auch am folgenden Abend wieder nach Hause entlassen und einen Monat
hörte ich nichts mehr von ihm. Dann teilte mir eine gemeinsame Freundin mit,
dass er wieder einen Selbstmordversuch unternommen hätte und wieder in die
Klinik eingewiesen geworden war.
Ich hoffe,
dass er seine gesundheitlichen Probleme bald wieder besser im Griff hat, die unangenehmen
Gedanken in den Hintergrund treten und sein Leben wieder vorwärts geht. Es wird
ohne mich weiter gehen, denn es ist zu viel zwischen uns passiert und kann
jemanden bei seiner Reise unterstützen, aber ich kann mich nicht selbst
komplett dafür aufgeben.
Ich weiß, dass ich das Richtige getan habe. Ich habe versucht, für ihn da zu sein und ihn zu unterstützen, aber ich kann nicht für andere Menschen und deren Verhalten und Handeln die Verantwortung übernehmen. Es tut mir leid, aber ich kann niemanden retten.
Lied des Tages:
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