Friday, September 13, 2013

Die Sonne scheint auch weiterhin

Letzte Woche ist mein Pate gestorben, gestern war die Beerdigung. Sie fand in einer anderen Stadt statt, aber ich setzte mich trotzdem in den Zug und fuhr zwei Stunden um ihn die letzte Ehre zu erweisen. Als meine Patentante anrief und uns die Nachricht mitteilte, war ich von mir selbst erstaunt wie gefasst ich sie aufnahm. Ich fühlte mich schlecht, weil ich mich nicht schlecht genug fühlte, da kam einfach keine Traurigkeit auf. Natürlich war die Nachricht schockierend, aber ich sah Papa zum ersten Mal weinen und das war viel schockierender. Er, der seine Gefühle immer verbarg, Weinen als Schwäche ansah und immer stark erscheinen wollte, saß am Frühstückstisch und sein Unterkiefer und seine Lippen zitterten unkontrolliert, er blinzelte verzweifelt um seine Tränen zu verstecken.

Die letzte Beerdigung die ich besuchte, war die meiner Großmutter und da war ich sieben, an viel kann ich mich nicht mehr erinnern. Als ich diesmal die ganzen Leute aus ihren Autos stiegen sah und ihre schwarzen Anzüge, Kleider und Schuhe betrachtete, musste ich automatisch an Harold&Maude denken, und daran wie Maude Apfel essend und mit gelbem Regenschirm abseits der Menschenmasse am Grab stand und dem Geschehen von außen zusah. Bei Pat gab es keinen gelben Regenschirm. Er wäre überhaupt nicht nötig gewesen, die Sonne kam sogar manchmal hinter den Wolken hervor.

Niemand der Trauernden hatte einen Blick für die Sonne übrig, obwohl es die letzten Tage nur geregnet hatte. Mir fiel sie wahrscheinlich nur auf weil sie so ein krasser Gegensatz zu den schwarz gekleideten Menschen war, die mit hängenden Köpfen da standen, und weil meine Gedanken unaufhörlich ratterten und ich alles aufnahm und analysierte, was ich sah.
Diese ganzen tieftraurigen Gesichter, Tränen in den Augen, die man sich verstohlen wegwischt, dauernd hört man ein Schnäuzen ins Taschentuch, möglichst leise, man möchte ja nicht auffallen.
Ich kam mir schlecht vor, weil all diese Personen mit Tränen in den Augen eine wichtige Person aus ihrem Leben verloren hatten, während ich ihn kaum gekannt hatte, obwohl er mein Pate war. Alle paar Monate sah ich ihn uns meine Patin, ich erzählte, was die Schule machte und sie unterhielten sich mit meinen Eltern, und am Ende des Tages bekam ich einen Zwanziger zugesteckt. 
Es kam mir falsch vor dort zu sein.

Als die Pfarrerin dann sprach, spürte ich zu meinem eigenem Erstaunen, wie meine Wangen nass wurden und ich verzweifelt blinzelte um die Tränen in meinen Augen zu halten, wie eine Woche zuvor mein Vater. Es kam unerwartet und überrumpelte mich völlig, ich konnte es nicht zurück halten und ich konnte mir nicht erklären, woher genau die Tränen kamen.
Die Tatsache, dass ich von Menschen umgeben war, denen ein wertvoller Mensch aus ihrem Leben gerissen worden war, was ihren Alltag veränderte? Seine Ehefrau wird jeden Morgen aufstehen und das Haus wird leer sein, nur die zwei Wellensittiche zwitschern vor sich hin, und die erinnern sie auch nur an ihren Ehemann, weil der Tiere so liebte. Die Tochter, seine Freunde, die er jede Woche traf, seine Nachbarn, all jene Menschen, mit denen er regelmäßig in Kontakt stand. Und ich, was ist aus meinem Leben verschwunden? Das Interview über meine schulischen Leistungen, das alle Verwandten und Bekannten regelmäßig mit mir führten? Der Zwanziger, den ich alle paar Monate bekam?
War es die Worte der Pfarrerin, die wirklich eine schöne, persönliche Rede hielt, uns das Leben von meinem Pat vor Augen hielt? Viel zu spät lernte ich Seiten von ihm kennen, die mir vorher nie aufgefallen waren und ich schämte mich fast, mich früher nie mehr mit ihm beschäftigt zu haben. Viel zu spät wurde mir bewusst, was für ein interessanter Mensch er gewesen war, den ich nie zu schätzen gewusst habe.
War es dieser Filmstreifen, der in meinem Kopf ablief und alle Menschen zeigte, bei deren Tod ich einen Zusammenbruch erleiden würde?

Ich stand also wie ein Häufchen Elend da und versuchte krampfhaft nicht zu weinen, denn ich bin auch so jemand, der gerne ein Pokerface bewahrt. Beerdigungen gehören zu solchen Situationen, in denen man das Nachdenken beginnt, das Grübeln, und das Wertschätzen von dem was man hat.
Es war gut, dass ich gekommen war. Meine Patin freute sich zu sehen, dass ich gekommen war, wir sehen uns nicht oft genug. Es war ein Tag voller Eindrücke, ich mag Tage voller neuer Eindrücke. Und das Weinen war wirklich dringend nötig gewesen, es tut gut ab und zu Gefühle raus zu lassen und zu zeigen.


Traurig sein hat keinen Sinn.
Die Sonne scheint auch weiterhin.
Das macht den Schmerz ja so brutal,
die Sonne scheint, als wär's ihr egal.

  Sonne- Farin Urlaub







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