Letzte Woche ist mein Pate gestorben, gestern war die Beerdigung. Sie fand
in einer anderen Stadt statt, aber ich setzte mich trotzdem in den Zug und fuhr
zwei Stunden um ihn die letzte Ehre zu erweisen. Als meine Patentante anrief
und uns die Nachricht mitteilte, war ich von mir selbst erstaunt wie gefasst
ich sie aufnahm. Ich fühlte mich schlecht, weil ich mich nicht schlecht genug fühlte,
da kam einfach keine Traurigkeit auf. Natürlich war die Nachricht schockierend,
aber ich sah Papa zum ersten Mal weinen und das war viel schockierender. Er,
der seine Gefühle immer verbarg, Weinen als Schwäche ansah und immer stark
erscheinen wollte, saß am Frühstückstisch und sein Unterkiefer und seine Lippen
zitterten unkontrolliert, er blinzelte verzweifelt um seine Tränen zu
verstecken.
Die letzte Beerdigung die ich besuchte, war die meiner Großmutter und da
war ich sieben, an viel kann ich mich nicht mehr erinnern. Als ich diesmal die
ganzen Leute aus ihren Autos stiegen sah und ihre schwarzen Anzüge, Kleider und
Schuhe betrachtete, musste ich automatisch an Harold&Maude denken, und
daran wie Maude Apfel essend und mit gelbem Regenschirm abseits der
Menschenmasse am Grab stand und dem Geschehen von außen zusah. Bei Pat gab es
keinen gelben Regenschirm. Er wäre überhaupt nicht nötig gewesen, die Sonne kam
sogar manchmal hinter den Wolken hervor.
Niemand der Trauernden hatte einen
Blick für die Sonne übrig, obwohl es die letzten Tage nur geregnet hatte. Mir
fiel sie wahrscheinlich nur auf weil sie so ein krasser Gegensatz zu den
schwarz gekleideten Menschen war, die mit hängenden Köpfen da standen, und weil
meine Gedanken unaufhörlich ratterten und ich alles aufnahm und analysierte,
was ich sah.
Diese ganzen tieftraurigen Gesichter, Tränen
in den Augen, die man sich verstohlen wegwischt, dauernd hört man ein Schnäuzen
ins Taschentuch, möglichst leise, man möchte ja nicht auffallen.
Ich kam mir schlecht vor, weil all
diese Personen mit Tränen in den Augen eine wichtige Person aus ihrem Leben
verloren hatten, während ich ihn kaum gekannt hatte, obwohl er mein Pate war. Alle
paar Monate sah ich ihn uns meine Patin, ich erzählte, was die Schule machte
und sie unterhielten sich mit meinen Eltern, und am Ende des Tages bekam ich
einen Zwanziger zugesteckt.
Es kam mir falsch vor dort zu sein.
Als
die Pfarrerin dann sprach, spürte ich zu meinem eigenem Erstaunen, wie meine
Wangen nass wurden und ich verzweifelt blinzelte um die Tränen in meinen Augen
zu halten, wie eine Woche zuvor mein Vater. Es kam unerwartet und überrumpelte
mich völlig, ich konnte es nicht zurück halten und ich konnte mir nicht erklären,
woher genau die Tränen kamen.
Die
Tatsache, dass ich von Menschen umgeben war, denen ein wertvoller Mensch aus
ihrem Leben gerissen worden war, was ihren Alltag veränderte? Seine Ehefrau
wird jeden Morgen aufstehen und das Haus wird leer sein, nur die zwei
Wellensittiche zwitschern vor sich hin, und die erinnern sie auch nur an ihren
Ehemann, weil der Tiere so liebte. Die Tochter, seine Freunde, die er jede
Woche traf, seine Nachbarn, all jene Menschen, mit denen er regelmäßig in
Kontakt stand. Und ich, was ist aus meinem Leben verschwunden? Das Interview über
meine schulischen Leistungen, das alle Verwandten und Bekannten regelmäßig mit
mir führten? Der Zwanziger, den ich alle paar Monate bekam?
War
es die Worte der Pfarrerin, die wirklich eine schöne, persönliche Rede hielt,
uns das Leben von meinem Pat vor Augen hielt? Viel zu spät lernte ich Seiten
von ihm kennen, die mir vorher nie aufgefallen waren und ich schämte mich fast,
mich früher nie mehr mit ihm beschäftigt zu haben. Viel zu spät wurde mir
bewusst, was für ein interessanter Mensch er gewesen war, den ich nie zu schätzen
gewusst habe.
War
es dieser Filmstreifen, der in meinem Kopf ablief und alle Menschen zeigte, bei
deren Tod ich einen Zusammenbruch erleiden würde?
Ich
stand also wie ein Häufchen Elend da und versuchte krampfhaft nicht zu weinen,
denn ich bin auch so jemand, der gerne ein Pokerface bewahrt. Beerdigungen gehören
zu solchen Situationen, in denen man das Nachdenken beginnt, das Grübeln, und
das Wertschätzen von dem was man hat.
Es
war gut, dass ich gekommen war. Meine Patin freute sich zu sehen, dass ich
gekommen war, wir sehen uns nicht oft genug. Es war ein Tag voller Eindrücke,
ich mag Tage voller neuer Eindrücke. Und das Weinen war wirklich dringend nötig
gewesen, es tut gut ab und zu Gefühle raus zu lassen und zu zeigen.
Traurig sein hat keinen Sinn.
Die Sonne scheint auch weiterhin.
Das macht den Schmerz ja so brutal,
die Sonne scheint, als wär's ihr egal.
Sonne- Farin Urlaub